Bilderwald

Ortstermin: In Hamburg versucht sich die Linkspartei an einer Erklärung der Krise

Mit dem Euro, sagt Norbert Weber, ist es so wie mit einem Mehrfamilienhaus. „Die Mieter im südlichen Flügel sind alle krank geworden und bekommen nun teure Medikamente. Aber keiner begreift, dass es eigentlich an der Konstruktion des Hauses liegt.“

Mit der Euro-Rettung, erklärt Weber, ist es so wie bei der Feuerwehr. „Wenn Öl brennt, kann man es schlecht mit Wasser löschen.“

Mit der Euro-Krise ist es so, dass sie die Bürger seit mehr als zwei Jahren beschäftigt und doch sehr schwer zu verstehen ist; und es ist dann auch so, dass es eigentlich einen natürlichen Gewinner der Krise geben müsste, das ist die Linkspartei, die immer vor dem ungezügelten Kapitalismus und seinen Folgen gewarnt hat, stattdessen profitieren in Umfragen die Grünen, die einst unter Rot-Grün den Finanzmarkt liberalisierten und damit dem Desaster den Weg bereiteten, und die Piratenpartei, die doch keine Ahnung hat von Wirtschaft.

Weil gut möglich ist, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt, dass also die Bürger nur mehr von der Krise verstehen müssen, damit sie ihr Kreuz wieder bei der Linkspartei machen, sitzt Norbert Weber in einem stickigen Mehrzweckraum mit angegrautem Teppichboden und übersetzt den Bürgern die Krise in bunte Sprachbilder.

„Jemand springt von einem 20-stöckigen Hochhaus“, sagt Weber, der feine graue Haare und einen kecken Unterlippenbart hat und ein Hemd mit kurzen Ärmeln trägt. Es geht jetzt um die Bankenrettung. „Auf Höhe des ersten Stocks denkt er sich: Das ging 19 Stockwerke gut, das wird auch weiter gut gehen.“

„Wie sieht er denn aus, der Aufprall?“, fragt eine wohlgerundete Dame in knallgrünem T-Shirt.

„Wenn ich das wüsste“, antwortet Weber, „dann würde ich darauf wetten und viel Geld verdienen!“

Heiterkeit, Gelächter. Das war – natürlich – nicht ernst gemeint, denn Wetten, das tun die anderen, die Investmentbanker, die das Zocken und Zündeln nicht lassen konnten, aber sicher nicht er, Norbert Weber, 53 Jahre alt, Mitarbeiter der Linksfraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft und dort zuständig für Haushalt, Wirtschaft, Bankerversagen. Weil er zuvor aber 30 Jahre in der Kreditwirtschaft tätig war, hat ihn die Fraktion beauftragt, heute „wirtschaftliche Zusammenhänge für ‚Dösbaddel’“ zu erklären: das Krisen-Einmaleins für Bürger.

Mit den Bürgern ist es allerdings offenbar auch so, dass sie sich die Krise nicht erklären lassen wollen, zumindest jedoch nicht von den Linken oder aber sie möchten einfach nicht als Dösbaddel bezeichnet werden. Jedenfalls haben am Konferenztisch neben Weber nur sechs Interessierte Platz genommen. Fünf davon sind Kommunalpolitiker der Linkspartei.

Wenn die Krise dazu führt, dass es Schuldenbremsen und Fiskalpakte gibt und in den städtischen Kassen immer weniger Geld für Hallenbäder und Kindertagesstätten bleibt, dann ist es auch gut für Kommunalpolitiker, die Krise zu verstehen.

Die Frage ist nur: Kann man sie in zweieinhalb Stunden erklären? Lassen sich die geeigneten Vergleiche und Metaphern und Bilder für eine so komplexe Wirklichkeit finden?

Norbert Weber spricht leise und deutlich und mit Pausen, oft redet er frei, manches liest er ab von einem Stapel handbeschriebener Blätter, die auf der Rückseite schon bedruckt sind. Kommt wieder ein Fachausdruck, entschuldigt sich Weber: „Ich muss diese dämlichen Worte benutzen.“

Schuldenstandsquote. Realzins. Nominalwert. Kurswert. Leistungsüberschuss. Nichtbeistandsklausel. Gewährträgerhaftung. EFSF. ESM. Das Vokabular der Krise ist sperrig und technokratisch und doch meistens unumgänglich. Oh, wie dankbar sind Norbert Webers Zuhörer, wenn sich wieder eine Gelegenheit zur metaphorischen Ausflucht bietet.

Der Umgang mit Griechenland: „Eine Kuh, der du ein Kotelett aus dem Bauch geschnitten hast, kannst du am nächsten Tag nicht melken.“ Der Finanzmarkt vor der Krise: „Wenn du da mit dem Schrotgewehr in den Wald geschossen hast, hast du immer was getroffen.“ Die Staaten und die Ratingagenturen: „Wie die Kaninchen vor der Schlange.“ Nochmal die Bankenrettung: „Da fehlt wie bei der Reise nach Jerusalem immer ein Stuhl. Nur die Deutsche Bank hat ihren eigenen Stuhl.“

Mit der Linkspartei ist es so, dass Krise ist und sie trotzdem kaum einer wählt. Warum eigentlich? „Weil wir uns selbst im Weg stehen“, sagt Weber bestimmt. „Und das ärgert mich maßlos.“

Vielleicht ist es aber auch so, dass es der Linken an einer sinnhaften, übergreifenden Erzählung von der Krise und ihren Ursachen und Folgen fehlt. Vielleicht ist es vom Bürger ein wenig zu viel verlangt, sich auf all das einen Reim zu machen: auf die Feuerwehr vorm Mehrfamilienhaus und den Selbstmörder mit Schrotgewehr, auf Schlangen, Stühle, Koteletts. Von ESM und EFSF ganz zu schweigen.

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